„Wo waren all die Männer?“

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Rezension zu „Der Basar des Schicksals“

Erschienen: 2019 (auf Netflix)
Regisseur_in: Alexandre Laurent
Bechdel-Test: bestanden

Vor einigen Wochen habe ich eine Serie geschaut, die mich gefesselt hat: „Der Basar des Schicksals“, eine französische Produktion, die Ende letzten Jahres auf Netflix erschienen ist.

Paris im Frühling 1897: Adrienne (Audrey Fleurot), Mutter einer Tochter, leidet unter ihrem gewalttätigen Ehemann. Die junge Alice (Camille Lou) soll einen reichen Junggesellen heiraten, um ihre Familie vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Rose (Julie de Bona), die Zofe von Alice, plant mit ihrem Geliebten eine Überfahrt nach New York City.

Um diese drei Frauen dreht sich die Serie. Sie alle besuchen eines Nachmittags den „Bazar de la Charité“, eine Wohltätigkeitsveranstaltung, die sich an die High Society von Paris richtet. Wohlhabende Leute kaufen hier allerlei Kunstgegenstände und Schmuck, deren Erlöse an Bedürftige gespendet werden.

Interessant hierbei: diesen Basar hat es tatsächlich gegeben. Genau wie die Katastrophe, die sich auf dem Basar zugetragen hat. Zunächst verläuft der Basar wie geplant: Die Leute kaufen für den guten Zweck, bestaunen die auftretenden Künstler oder schauen sich in einem Vorführraum kurze Filmaufnahmen an. Doch dann bricht plötzlich ein Feuer im Basar aus und die Menschen strömen zu den Ausgängen.

Dabei kommt es zu schrecklichen Zuständen: Menschen, die sich gewaltvoll durch die Menge drängeln, Männer, die sich mithilfe ihres Gehstocks den Weg nach draußen freischlagen, Frauen und Kinder, die zu Boden geworfen oder zu Tode getrampelt werden. So dramatisch diese Szenen klingen, so real waren sie für die mehr als 100 Menschen, die den Flammen zum Opfer fielen. Fast alle von ihnen Frauen und Kinder. Diese buchstäbliche Unterdrückung bildet Grundstein der Handlung.

Adrienne, die eigentlich auf dem Basar hätte sein sollen und sich während des Feuers durch einen Zufall außerhalb des Gebäudes aufhielt, wird für tot geglaubt. Sie nutzt diese Chance und taucht unter, um ihrem besitzergreifenden Ehemann zu entfliehen und so zu versuchen, ihre Tochter aus seinen Griffen zu befreien.

Alice, die Nichte von Adrienne, wird aus dem Feuer gerettet, doch ist noch immer verstört von den grausamen Ereignissen. Sie war mit ihrem Verlobten im Basar und hat mit angesehen, wie dieser ihr Dienstmädchen Rose in die Flammen stieß, um sich selbst zu retten.

Rose erleidet daraufhin schwere Verbrennungen an Gesicht und Körper und wird von einer wohlhabenden Frau zu sich genommen, die ihre Tochter in dem Feuer verloren hat. Nun hat die Dame einen makabren Plan: Rose soll den Platz ihrer Tochter einnehmen, um das Ansehen und Erbe ihrer Familie zu beschützen.

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Das Feuer im Basar hat es wirklich gegeben, die Figuren sind frei erfunden, deren Schicksale jedoch nicht unrealistisch. Neben der klaffenden Ungleichheit der Geschlechter geht es in der Serie auch um die Bedeutung von Familie und gesellschaftliche Missstände zwischen arm und reich.

Vor allem Fans von historischen Serien kann „Der Basar des Schicksals“ begeistern. Wer eine romantische Schnulze erwartet, wird überrascht durch actionreiche und düstere Sequenzen. Die Serie überzeugt auch als Thriller-Erzählung. Es wird ein Korsett aus Angst und Unterdrückung geschnürt. Die ständige Befürchtung der Frauen, etwas falsch zu machen oder zu viel zu fordern ist durch kalte Bilder und treibende Musik in jeder Sekunde spürbar.

Die Serie nimmt auch Bezüge auf sozialgeschichtliche Begebenheiten. So werden revolutionäre Forderungen der Arbeiterschicht laut. Die Anarchisten verurteilen die dekadente Lebensweise der Pariser Oberschicht, der sogenannten Bourgeoisie.

Die Figuren, die im Laufe der acht Folgen auftreten, wirken zwar durchdacht, nur leider fehlt es ihnen hier und da etwas an charakterlicher Tiefe, was auch daran liegen mag, dass die Handlung sehr viele Figuren umfasst. Die Episoden haben ein angenehmes Tempo, durch die Geschichte zieht sich eine anhaltende Spannung, sodass es nie langweilig wird. Liebe und Aufopferung sind hier vorantreibende Elemente, die bedacht eingesetzt werden und nur selten kitschig wirken.

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Visuell ist die Serie ein Genuss: Die Farbpalette ist pastellig und kühl gehalten; die Kostüme wirken von der Rüsche bis zur Spitze authentisch und sorgfältig gearbeitet. Auch die Kulissen fühlen sich echt an, ob in einem herrschaftlichen Haus der vornehmen Oberschicht oder in den dunklen Kellern eines Gefängnisses, überall lässt sich die Hingabe zum Detail erkennen.

Trotz der zentralen Thematisierung um die Unterdrückung der Frau, richtet sich die Serie nicht ausschließlich an weibliche Zuschauer_innen. Denn sexistische Strukturen gehen uns alle etwas an; deshalb bin ich der Meinung, dass jede_r sich diese Serie anschauen kann.

Gegen Ende der Serie hätte ich mir dann aber doch eine stärkere Thematisierung der Geschlechterungleichheit in der feinen Pariser Gesellschaft gewünscht. Wobei man auch nicht vergessen darf, dass es sich nun mal um eine Historien-Serie handelt und die Realität im späten 19. Jahrhundert für viele Damen des Großbürgertums eben nicht besonders rosig aussah, was Gleichberechtigung angeht.

In der letzten Folge werden die parallelen Handlungsstränge dann zu einem Ende geführt, das Lust auf mehr macht. Ich würde mir eine zweite Staffel wünschen, in der sich eventuell mehr mit den Problemen unterdrückter Gesellschaftsgruppen und weniger mit der privilegierten Oberschicht auseinandergesetzt wird.

Bemerkenswertes Zitat aus der Serie:

„Fortschritt ist unsere Freiheit. Die der Frauen.“

Text und Bilder von mir.

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